Mit dem Postbus über den Pass — eine Tagesreise durch Tirol
Die ÖBB-Postbus-Linie 4194 verbindet Landeck mit dem hinteren Kaunertal. Drei Fahrten pro Tag, eine Strecke voller Serpentinen, ein gelber Bus als kulturelle Infrastruktur. Eine Reportage von der Rückbank.
Die Linie 4194 der ÖBB-Postbus GmbH verbindet, laut Aushang, den Bahnhof Landeck-Zams mit dem Gepatschhaus im hinteren Kaunertal. Sie hat, an einem normalen Werktag im Mai, fünf Fahrten — drei in der Hauptzeit zwischen sieben und siebzehn Uhr, zwei abendliche Verstärkerfahrten am Wochenende, an Sonntagen nur drei. Sie führt durch ein Tal, das sich über vierzig Kilometer in die Ötztaler Alpen hineinschiebt, und sie endet auf 1928 Metern, am Fuß des Gepatschferners — einem Gletscher, der, wie alle Tiroler Gletscher, jedes Jahr ein Stück kleiner wird, aber noch da ist.
Ich nehme den 9:35-Bus ab Landeck-Zams, Bahnhof, Bussteig D.
Vor der Abfahrt
Der Bus ist gelb, die alte ÖBB-Postbus-Farbe, die noch an die Zeit erinnert, als der Postbus tatsächlich die Post mitgenommen hat. Er ist ein Setra-Reisebus, etwa zehn Jahre alt, mit hohen Sitzen, einer fünf-Stern-Anzeige für „Komfortklasse” am Frontfenster, und einer kleinen Box im hinteren Drittel des Fahrgastraums, in der Pakete für die abgelegenen Höfe transportiert werden — die letzte Spur des „Post”-Anteils im Namen. Der Fahrer, ein Mann Anfang sechzig mit dichtem grauen Bart, in dunkelblauer Postbus-Uniform, sitzt mit der Tageszeitung in der Hand und einem Kaffee aus dem Bahnhofsbuffet vor sich. Er sieht auf, als ich einsteige, nickt knapp, sagt „Grüß Gott.”
Im Bus sitzen, neben mir, sechs Fahrgäste. Eine ältere Frau mit einem Korb auf den Knien, in dem ein Brot und eine Plastiktüte mit, vermutlich, Käse ist; sie fährt vermutlich nach Feichten, vermutet die Form ihres Reisegeräts. Zwei Wanderer in Mittsechziger-Alter, jeder mit einem leichten Tagesrucksack und Steigeisen, die in seitlichen Netzen am Rucksack baumeln. Ein junger Mann mit einem Skateboard unter dem Arm, der aussieht, als wäre er auf dem Heimweg von einem Wochenendbesuch in Innsbruck. Und ein Ehepaar Mitte vierzig, sehr offensichtlich aus Holland oder Belgien, die gerade dabei sind, einen Wanderführer aufzuschlagen.
Um 9:35 Uhr fährt der Bus an, fast unmerklich, in der ruhigen Weise, in der schwere Fahrzeuge anfahren. Der Bahnhof Landeck-Zams rollt zurück, dann die Brücke über den Inn, dann eine kleine Bundesstraße, die in das Kaunertal hineinführt.
Die Strecke
Die ersten zehn Kilometer sind unspektakulär: die Bundesstraße führt am Inn entlang, das Tal ist breit, es gibt Gewerbegebiete am Rand, einen Lebensmittelmarkt, dann immer kleinere Dörfer. Prutz, Faggen, dann Kauns — der Ort, an dem die eigentliche Tirol-Postkarten-Strecke beginnt. Ab hier fährt der Bus auf der Kaunertaler Gletscherstraße, einer einspurigen Talstraße mit Ausweichbuchten, Serpentinenabschnitten, gelegentlichen Tunnel-Durchstößen.
Der Bus hält an Haltestellen, die teilweise nur aus einem gelben Schild am Straßenrand bestehen. Feichten im Kaunertal, Kapelle Maria Hilf, Gallruthhof, Pillerhof. Bei jeder Haltestelle hält der Fahrer auch, wenn niemand drinnen oder draußen winkt — kurz, drei Sekunden, eine Pflichthaltestelle. Manchmal steht jemand an einer Bushaltestelle, der den Bus nicht nimmt, sondern nur ein kurzes Wort mit dem Fahrer wechselt: „Du, Hannes, sag der Marianne, ich komm am Donnerstag.” Der Fahrer nickt, hebt eine Hand, fährt weiter. Es ist offensichtlich, dass diese Linie nicht nur Fahrgäste transportiert, sondern auch Information.
Die ältere Frau steigt aus
In Feichten, etwa eine halbe Stunde nach der Abfahrt, steigt die ältere Frau mit dem Korb aus. Der Fahrer hilft ihr beim Aussteigen, indem er einen Augenblick wartet, bis sie sich am Geländer hochzieht, und ihr dann den Korb hinaushält. „Pfiat di, Maria.” „Pfiat di, Hannes.” Der ganze Vorgang dauert nicht länger als zwanzig Sekunden, aber er hat eine Selbstverständlichkeit, die in städtischen Verkehrsbetrieben verloren gegangen ist. Hier wird der Bus nicht als anonyme Dienstleistung betrieben, sondern als verteiltes Privatprivileg.
Ich schreibe das nicht romantisierend. Es ist auch eine Frage der Schwäche der Linie: drei bis fünf Fahrten am Tag, das ist für jemanden, der pendelt, kaum nutzbar. Wer das Tal verlassen will, muss seinen Tag um den Bus herum bauen. Die ältere Frau wird vermutlich nicht zurück nach Landeck fahren, sondern in Feichten bleiben, und wenn sie zurück nach Landeck muss, dann am nächsten Tag mit der 7:14-Fahrt. Die Linie ist kulturelle Infrastruktur, ja, aber auch ein Beweis dafür, wie dünn die kulturelle Infrastruktur in den Tälern geworden ist.
Höhenmeter
Nach Feichten beginnt die Steigung. Die Straße schraubt sich in engen Kehren den Talhang hinauf. Der Bus ist langsam, im niedrigen Gang, der Motor hörbar arbeitend — ein Geräusch, das man in einem ICE nie hören würde, aber hier zur Strecke gehört wie das Klacken des Fahrwerks zur Bahn. Bei jeder Kehre öffnet sich ein anderer Blick: zurück ins Inntal, das jetzt schon weit unten liegt, dann seitwärts auf die Hänge des Glockturmkamms, dann auf das Hintere Kaunertal, das sich tief und weit nach Süden hineinschiebt.
Die beiden Wanderer hinter mir reden leise miteinander. Ich höre, ohne es zu wollen, ein paar Fragmente: „bei der Brandenburger Hütte umkehren, glaub ich, das Wetter wird nicht halten.” „Die Steigeisen werden wir sowieso nicht brauchen.” Das Klacken der Steigeisen an ihren Rucksäcken, wenn der Bus durch eine Bremse geht, ist ein eigener Rhythmus.
Der junge Mann mit dem Skateboard sieht aus dem Fenster, ohne dass man sagen könnte, wonach. Das Skateboard liegt auf dem Sitz neben ihm wie ein langes, schmales Tier. Er ist offensichtlich nicht hier, um zu skateboarden — die Straße ist nicht skateable, das Tal ist zu steil —, sondern um nach Hause zu fahren.
Das niederländische Ehepaar
Das niederländische Ehepaar steigt am Gepatschhaus aus, der Endhaltestelle. Sie sind sichtlich aufgeregt, fotografieren den Bus von außen, dann sich selbst vor dem gelben Bus, dann die Bergkulisse. Die Frau sagt etwas zum Fahrer, in einem Englisch mit niederländischem Akzent, etwas mit „beautiful” und „thank you for the ride.” Der Fahrer, der sein Englisch wahrscheinlich von Touristen wie diesen erworben hat, sagt „You are welcome, have a nice hike.”
Es ist ein kleiner Augenblick der höflichen Differenz: die beiden sind hier, weil sie aus dem Reiseführer wissen, dass das Kaunertal einer der „letzten Naturräume Tirols” ist. Der Fahrer ist hier, weil er hier seit dreißig Jahren wohnt und arbeitet. Beide stehen einen Moment auf demselben Asphalt. Dann verschwindet das Ehepaar Richtung Weißsee-Spitze, der Fahrer dreht den Bus auf dem Wendeplatz, und wir — die zwei Wanderer, der junge Mann und ich — fahren das gleiche Tal wieder hinab.
Die Rückfahrt als Wiederholung
Die Rückfahrt am Nachmittag — ich nehme die 16:42 ab Gepatschhaus — ist nicht einfach eine Wiederholung der Hinfahrt. Das Licht ist anders, von Westen statt von Süden, die Schatten fallen quer ins Tal, die Hänge, die am Morgen in der Sonne leuchteten, sind jetzt in einem stumpfen Halbschatten. Was am Morgen Anfahrt war, ist jetzt Abfahrt. Die Haltestellen, die ich am Morgen kennengelernt habe, treten nun in umgekehrter Reihenfolge auf, jetzt mit der Routine eines Heimwegs.
Im Bus sind weniger Fahrgäste. Zwei Wanderer, die in Kapelle Maria Hilf einsteigen. Eine ältere Frau in Feichten, eine andere als die vom Morgen, mit einer Plastiktüte vom Spar-Markt. Der Skateboard-Junge ist nicht mehr dabei; er ist offenbar im Tal geblieben.
In Landeck-Zams bin ich um 18:11 Uhr. Der Bus parkt am Bussteig D, der Fahrer steigt aus, raucht eine Zigarette in einer der Wartepausen seines Dienstplans, sieht in den klaren Mai-Himmel. Ich gehe in den Bahnhof, der Zug zurück nach München fährt in zweiundzwanzig Minuten. Im Rucksack: kein Wanderbericht, weil ich nicht gewandert bin, sondern nur eine Tageserzählung von einer Buslinie, die niemand außerhalb des Kaunertals und der Reiseliteratur kennt.
Das ist, glaube ich, der Punkt dieser Linien. Sie sind nicht für die Reiseliteratur da. Sie sind für Maria, die ihren Käse von Feichten holt. Wir, die Reiseliteratur, sind nur zufällige Mitfahrer:innen — und unsere Aufgabe ist es, nicht im Weg zu sein, sondern hinzusehen.