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← Heft 04. Mai 2026
Bahn · 11 min

Der Nightjet von Berlin nach Wien — eine Nacht im Liegewagen

EN 50, Berlin Hbf 22:18 Uhr, Wien Hbf 8:51 Uhr. Eine Nacht in zehneinhalb Stunden, ein Liegewagen, ein Schaffner, das Licht über Brandenburg, Sachsen, Tschechien. Über das Reisen, während man schläft.

Blick vom Gang in ein leeres Nightjet-Liegewagen-Abteil mit drei frisch bezogenen Betten und warmem Leselicht
— Blick vom Gang in ein leeres Nightjet-Liegewagen-Abteil mit drei frisch bezogenen Betten und warmem Leselicht —

Der Berliner Hauptbahnhof um zweiundzwanzig Uhr ist nicht still, aber ruhiger als am Tag. Die Pendlerströme sind versickert, die letzten ICE nach München und Hamburg sind weg, die Rolltreppen tragen weniger Gewicht. Auf Gleis 5 steht ein blau-roter Zug mit der ÖBB-Aufschrift entlang der Wagenseite, und über den Türen leuchten kleine Schilder mit Wagennummern: 261, 262, 263. Liegewagen, Schlafwagen, Sitzwagen. Es ist der EN 50, planmäßige Abfahrt 22:18, Ankunft Wien Hauptbahnhof 8:51 am nächsten Morgen.

Ich reise im Liegewagen, Wagen 262, Abteil 38, Bett 73 — das mittlere von drei Betten, was sich erst später als Glücksfall erweisen wird, weil die Geräusche aus dem Gang dort weniger ankommen als unten und weniger Hitze sich sammelt als oben.

Vor der Abfahrt

Der Schaffner — ein Mann Mitte fünfzig, mit grauem Bart und der unaufgeregten Höflichkeit, die man eher in Wien als in Berlin antrifft — steht an der Wagentür und kontrolliert die Reservierungen. Er sagt „Servus” zu jeder Person, die einsteigt, auch zu denen, die deutsch sprechen, und das ist ein erstes kleines Markenzeichen dieser Fahrt: man ist, sobald man den Wagen betritt, schon ein bisschen in Österreich. Das Frühstück, das auf dem kleinen Klapptisch im Abteil bereitgelegt ist, bestätigt das später — Semmel, Marmelade aus Tirol, Bergkäse in dünnen Scheiben.

Das Abteil ist klein, aber nicht beengt. Die drei Sitze auf der einen Seite werden später zum unteren Bett, das mittlere und das obere klappen von der gegenüberliegenden Wand herunter. Jetzt ist davon noch nichts zu sehen. Drei Personen sitzen sich gegenüber, höflich, etwas zurückhaltend, jeder mit dem Smartphone in der Hand oder einem Buch auf den Knien. Wir werden in einer Stunde nebeneinander schlafen. Diese Zwischenphase, in der man sich noch wie in einem Wartezimmer benimmt, hat etwas eigentümlich Höfliches.

Um 22:18 Uhr fährt der Zug an, fast unmerklich. Kein Ruck, nur das Geräusch der Gleise, das langsam unter den Wagen wandert. Berlin Hauptbahnhof gleitet zurück, dann Gesundbrunnen, dann die nördlichen Außenbezirke, dann ist es dunkel.

Das Abendessen am Sitzplatz

Eine Besonderheit des Nightjets, die in Reiseberichten oft untergeht: Bevor der Schaffner die Betten herunterklappt, kann man am Sitzplatz noch eine Weile etwas essen, was man mitgebracht hat. Im Speisewagen gibt es ein begrenztes Angebot — Toast, eine Suppe, Bier in Dosen —, aber viele Reisende bringen sich aus dem Bahnhofssupermarkt ein kleines Picknick mit. Ich habe eine Stulle, einen Apfel und eine Flasche Mineralwasser dabei. Die Frau mir gegenüber, vielleicht Anfang dreißig, packt eine Box mit gefüllten Weinblättern aus und einen Granatapfel — eine Vorbereitung, die mich beeindruckt.

Das Licht im Abteil ist gelblich und nicht zu hell. Das Fenster ist schwarz, fast vollständig — nur gelegentlich blitzt eine Bahnsteigleuchte vorbei, oder die Lichter eines Dorfes, das im Schlaf liegt. Man sieht im Glas mehr das eigene Spiegelbild als die Landschaft. Das hat seinen eigenen Reiz: der Wagen wird, je weiter wir fahren, zu seiner eigenen kleinen Welt.

Gegen dreiundzwanzig Uhr kommt der Schaffner zurück und fragt, ob er die Betten machen kann. Wir stehen auf, schieben unsere Rucksäcke in das Gepäcknetz hoch, treten zwei Schritte in den Gang. Mit zwei Handgriffen, fast eine Choreografie, klappt der Schaffner die Rückenlehnen ab, die Betten herunter, schlägt die Bettdecken zurück, legt die kleinen Schokoladen auf die Kissen — eine in dunkelblauer ÖBB-Folie eingewickelte Praline pro Bett. Die Geste ist ein Anachronismus, aber ein freundlicher.

Wir verschwinden hinter einer Trennwand in den schmalen Vorraum, ziehen uns um — Trainingshose, T-Shirt — und schlüpfen, ohne viel Aufhebens, jeder in sein Bett. Die Leselämpchen schaltet jeder einzeln aus. Ich höre noch, wie das obere Bett, eine ältere Frau aus Linz, leise „gute Nacht” sagt. Dann ist es dunkel.

Lichtwechsel zwischen Brandenburg und Tschechien

Schlafen im fahrenden Zug ist eine eigentümliche Erfahrung. Man schläft nicht durch — niemand schläft im Nightjet durch —, aber man döst in Schüben. Zwischen den Schüben wacht man auf, weiß für drei Sekunden nicht, wo man ist, hört das Geräusch der Räder über die Weichen, sieht durch den schmalen Spalt zwischen Vorhang und Fensterrahmen vorbeiziehende Lichter. Eine Industrieanlage in Sachsen, hell ausgeleuchtet. Eine Autobahnauffahrt mit der grünen Hinweistafel — Riesa, Großenhain. Ein einzelnes Haus auf dem Land, in dem jemand um halb zwei Uhr noch wach ist.

In Dresden hält der Zug. Ich bin wach, sehe auf die Uhr — 00:46 Uhr, ungefähr Planzeit — und höre durch das geschlossene Fenster den vertrauten Bahnhofs-Ton: eine Lautsprecher-Ansage, das Zischen einer Druckluftbremse, Schritte auf dem Bahnsteig. Einsteigende, Aussteigende. Dann fährt der Zug wieder an, leise, und es geht weiter nach Süden.

Der Grenzübergang nach Tschechien geschieht, ohne dass man ihn bemerkt. Schengen, kein Halt, keine Kontrolle — nur ein leichter Wechsel in der Beschilderung am Streckenrand, der einem entgeht, weil man schläft. Děčín, Ústí nad Labem, Praha-Holešovice. Bei einigen dieser Stationen wache ich kurz auf, weiß, dass wir jetzt in Tschechien sind, halte das fest, schlafe wieder ein. Es ist eine seltsame Form des Reisens: ohne das Sehen, ohne das Hören, fast nur durch die Bewegung des Wagens und die kleinen Erschütterungen.

Gegen vier Uhr morgens kommt der erste graue Schimmer in den Himmel. Ich ziehe den Vorhang einen Spalt weiter zurück und sehe Felder, einen niedrigen Wald, eine Straße, auf der niemand fährt. Die Konturen werden sichtbar, bevor die Farben kommen — alles ist erst grau, dann silbrig, dann sehr langsam grünlich. Das ist, glaube ich, der eigentliche Grund, warum man Nachtzüge fährt: nicht für den Schlaf, sondern für diese Stunde, in der man wach im Dämmerlicht durch eine fremde Landschaft gleitet, ohne dass jemand etwas von einem will.

Frühstück im Speisewagen

Um sieben Uhr kommt der Schaffner mit einem leisen Klopfen an die Tür und fragt, ob er das Frühstück bringen soll. Wir können wählen: ins Abteil — er stellt das Tablett auf den Klapptisch — oder in den Speisewagen, zwei Wagen weiter vorne. Ich gehe in den Speisewagen, weil ich nach dem Aufstehen einen Moment Bewegung brauche.

Der Speisewagen am Morgen ist eine sehr besondere Atmosphäre. Es sitzen ungefähr fünfzehn Menschen verteilt an den Tischen, alle in einem ähnlichen Zustand des Halberwachten — die Haare drücken sich an einer Seite des Kopfes flach, die Augen sind gerötet, niemand redet laut. Der Kellner — derselbe Mann, der gestern Abend die Suppen serviert hat, jetzt mit etwas müderem Gesichtsausdruck — bringt Kaffee in kleinen weißen Tassen, eine Semmel, ein gekochtes Ei, Marmelade. Das Fenster läuft jetzt entlang einer Donauschleife, die ich nicht genau einordnen kann — vielleicht zwischen Tulln und Wien.

Wir sind hinter dem Plan, etwa elf Minuten, was die Anzeige im Wagen meldet. Das ist im Nightjet-Verkehr fast Pünktlichkeit. Niemand stört es. Wer den Nachtzug nimmt, hat ohnehin schon ein anderes Verhältnis zur Zeit als jemand, der den ICE nimmt.

Ankunft

Wien Hauptbahnhof, 9:02 statt 8:51. Die Sonne fällt schräg in die Bahnsteighalle, und die Werbeplakate für die nächste Saison der Wiener Festwochen wirken, wenn man eben aus einem Liegewagen steigt, fast aufdringlich farbig. Man trägt eine eigentümliche Müdigkeit mit sich, die anders ist als Flug-Müdigkeit oder Auto-Müdigkeit — weniger erschöpft, mehr gefiltert. Als hätte man die zehn Stunden nicht durchgeschlafen, sondern durchgehört.

Auf dem Bahnsteig stehe ich einen Augenblick mit dem Rucksack in der Hand, sehe dem Zug nach, der gleich wieder gereinigt und für die Rückfahrt nach Berlin vorbereitet wird. Der Schaffner aus Wagen 262 winkt vom Türsockel, in der Hand ein Klemmbrett. Er fährt nicht zurück — er hat Schicht gehabt. Ich winke zurück. Es ist die freundlichste Begegnung, die ich auf dieser Reise mit jemandem hatte, und wir haben in zehneinhalb Stunden vielleicht zwölf Sätze gewechselt.

Es ist, glaube ich, das eigentliche Versprechen des Nachtzugs: dass eine Reise nicht nur Strecke ist, sondern Zeit. Man kommt nicht nur woanders an. Man kommt später dort an, und man kommt anders dort an.


Ressort: Bahn